DAS INTERVIEW. Heute exklusiv mit Anne M. Schüller

 

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als Europas führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenfokussierte Unternehmenstransformation.

Das folgende Interview führte ich mit Anne M. Schüller anlässlich ihres aktuell erschienenen Buches FIT FÜR DIE NEXT ECONOMY, das sie gemeinsam mit Alex T. Steffen geschrieben hat.

 

Was war der Auslöser, genau solch ein Buch zu schreiben?

Anne M. Schüller: Der eigentliche Auslöser, quasi mein Weckruf, war ein Vortrag des damals 13-jährigen Lorenzo Tural Osorio auf einer Marketingmesse. Da habe ich verstanden: Es bringt gar nichts, wenn die alte, also meine Generation über die junge Generation spricht oder schreibt, das ist nicht aus erster Hand, das ist nicht authentisch und immer gefiltert. Es bringt außerdem wenig, wenn die junge Generation der alten nur versucht, zu erklären, wie sie tickt und was sie fordert. Verstehen hilft zwar, aber es bringt nicht voran.

Dass die digitale Transformation unumgänglich ist, ist jedem Manager inzwischen wohl klar. Entscheidend ist, wie man sie hinbekommt. Hier bietet sich das Knowhow talentierter Millennials geradezu an. In einem digital transformierten Kosmos leben sie längst. Und wenn sie Arbeitswelten schaffen, dann sind diese daran adaptiert. Am besten klappt es meiner Meinung nach dann, wenn Jung und Alt sich gleichberechtigt zusammentun, anstatt Generationenkonflikte heraufzubeschwören. So haben mein Mitautor Alex T. Steffen, er ist 27, und ich das Buch gemeinsam entwickelt.

Sie sprechen im Buch von der ‚Erschütterung der Macht‘. Was genau meinen Sie damit?

Anne M. Schüller: Im Zuge der zunehmenden Agilisierung müssen Hierarchien vielfach zurückgebaut werden. Denn sie machen ein Unternehmen schwerfällig und träge. Doch je schwerfälliger eine Organisation, desto anfälliger ist sie für Überholmanöver. Und je mehr Hierarchie, desto mehr Jasagertum gibt es auch. Beides ist heute lebensbedrohlich. Unverkennbare Machtansprüche schaffen Distanz, obwohl Kollaboration dringend notwendig wäre. Einen Großteil ihrer Arbeitszeit verbringen Manager zudem mit dem Absichern von Macht, anstatt sich um den Markt und die Kunden zu kümmern.

Eines der Hauptprobleme für Transformationsversagen ist also Macht. Denn Herrschende zetteln keine Palastrevolution an. So werden viele Unternehmen nicht am Markt, sondern an ihren Strukturen scheitern. Junge Leute wollen nicht in alten Strukturen arbeiten. In einem alten Arbeitsumfeld kann man auch nicht auf neue Gedanken kommen. Und zentrale Steuerung funktioniert nicht in komplexen Systemen. Sich selbst organisierende Strukturen sind dazu wesentlich besser geeignet. Wenn anweisungsbasierte Topdown-Formationen nämlich auf vernetzte Organisationen treffen, wird es langfristig für erstere eng.

Wie wichtig wird nach Ihrer Meinung das Thema Kollaboration – und zwar unternehmensübergreifend? 

Anne M. Schüller: Tradierten Unternehmen stellt sich eine entscheidende Frage: Sind ihre Mitarbeiter Anweisungsabarbeiter, Nebeneinanderherarbeiter, Gegeneinanderarbeiter oder Miteinanderarbeiter? In unserer zunehmend virtuellen Arbeitswelt gehört es zu den wichtigsten Aufgaben einer Führungsriege, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Kollaboration möglich machen. Und zwar crossfunktional und über innerbetriebliche Grenzen hinaus. Neben einer Kernbelegschaft in herkömmlichen Arbeitsverhältnissen gibt es ja zunehmend eine Zusammenarbeit mit Externen ohne klassischen Arbeitsvertrag. Dazu zählen auch Freelancer, Startups und outgesourcte Bereiche.

Dass Konfrontation, interner Wettbewerb und der dauernde Kampf um Ressourcen die besten Ergebnisse bringen, sind Kopfgeburten weltfremder Alphatierchen in den Zentren der Macht. Genau das Gegenteil ist nämlich der Fall: Wissensarbeit kann nur durch Kollaboration reiche Früchte tragen. Die Vertreter der jungen Generation, in der Sharing-Economy groß geworden, haben auch längst verstanden, wie arm man bleibt, wenn man alles für sich behält, und wie reich man wird, wenn man teilt. Nicht ansagende Vorgesetzte, sondern sich weitgehend selbst steuernde Einheiten, die abteilungsübergreifend auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, werden dazu gebraucht.

Warum können Startups Helfershelfer für die unternehmerische Zukunft sein?

Anne M. Schüller: Mit Nischengespür packen Startups jede Chance beim Wickel, die sich durch die fortschreitende Digitalisierung ergibt. Sie brauchen keine Fabrik und auch keine Garage, um Geschäftsmodelle zu entwickeln, die die Etablierten erzittern zu lassen. Ein Laptop und WiFi reichen meist aus. Jedes ungelöste Kundenproblem kann für sie zu einem erfolgreichen Startpunkt werden. Während übliche Manager vor allem an den Wettbewerb, ihre Quartalsziele und die Kosten denken, haben die Jungunternehmer längst verstanden, dass sich alles um die Kunden und ihre Daten dreht.

Domänen, in die sich tradierte Unternehmen erst noch mühsam hineindenken müssen, sind für sie seit Langem vertrautes Terrain. Sie arbeiten mit neuen schnellen Methoden, die an die längst veränderte Businesswelt adaptiert sind. Das für sich zu nutzen, sich von jungen Gedanken und frischen Ideen inspirieren zu lassen, genau das macht den Unterschied zwischen den zukünftigen Überfliegern der Wirtschaft und dem übrigen Rest. Natürlich ist auch die Erfahrung der „Alten“ nach wie vor wertvoll. Und zweifellos können die Juniors vom Wissen der Seniors sehr profitieren. Doch wirklich vorankommen wird ein etabliertes Unternehmen fortan nur dann, wenn es

  • erstens von der Arbeitsweise der Jungunternehmer und Startups, den Treibern des ökonomischen Wandels, lernen will, und
  • zweitens die jungen Menschen, die im eigenen Unternehmen angestellt sind, aktiv in strategische und operative Entscheidungen miteinbezieht.

Ein Kapitel Ihres Buches beschreibt die sogenannten ‚Quick Wins‘. Bitte beschreiben Sie kurz, was damit gemeint ist und nennen Sie Beispiele.

Anne M. Schüller: Statt sich in monströsen Transformationsprojekten zu vertrödeln, empfehle ich, in einer Ecke einfach mal anzufangen, um schnelle Erfolgseinheiten, also Quick Wins, zu produzieren. Das macht Mut, die nächsten dann schon größeren Umbauaktivitäten anzugehen. Stellvertretend nenne ich hier einmal drei:

  1. Implementieren Sie ein Minus50-Programm

Neben mangelnden Innovationen ist es vor allem ein gewaltiger Bürokratie- und Administrationsapparat, der herkömmliche Unternehmen immer mehr daran hindert, agil zu agieren. Hier lässt sich am schnellsten etwas bewegen. Betrauen Sie gleich morgen die ersten Mitarbeiter damit, veraltete, behindernde, demotivierende und umsatzzerstörende Standards und Vorgehensweisen zu identifizieren und abzubauen. Ganz ohne Strukturen und Regeln geht es natürlich nicht, schon allein deshalb ist plus/minus 50 eine vernünftige Zielzahl. Entscheidende Hinweise können nicht nur von erfahrenen Kollegen, sondern auch von engagierten jungen Mitarbeitern kommen.

  1. Führen Sie ein Reverse-Mentoring-Programm ein

Wenn es um digitale Errungenschaften, neueste technologische Trends, das Käuferverhalten der jungen Generation und zeitgemäße Arbeitsbedingungen geht, dann sind die Millennials in ihrem Element. So drehen sich beim Reverse Mentoring die Rollen des klassischen Mentoring um: Der Junior coacht den Senior auf den Themengebieten, die „Jung“ besser kann als „Alt“. Vornehmliches Ziel ist es, die digitale Fitness im Unternehmen zu erhöhen, altgewohnte Kommunikations- und Arbeitsweisen an die Erfordernisse der digitalen Ära anzupassen sowie ältere Kollegen und Führungskräfte mit der Lebenswelt der Millennials vertraut zu machen.

  1. Installieren Sie crossfunktional eine digitale Sturmtruppe

Die derzeitige Diskussion, wo die Digitalisierung angesiedelt sein soll, bleibt in der Silodenke verhaftet, und genau das ist ein gravierender Fehler. Installieren Sie unter der Leitung eines Chief Digital Officer vielmehr ein digitales Einsatzkommando, das abteilungsübergreifend als interner Challenger agiert. Machen Sie sich dazu auch mit neuen Arbeitswerkzeugen wie Design Thinking, Scrum und Kanban vertraut. Diese Methoden eignen sich nicht nur für die Digitalwirtschaft. Sie werden inzwischen in den unterschiedlichsten Branchen eingesetzt und unterstützen dort in vielen Bereichen das selbstorganisierte Arbeiten. Veranstalten Sie zudem Hackathons: Diese Wortschöpfung aus Hack und Marathon meint die konzentrierte gemeinsame Lösung von (digitalen) Aufgabenstellungen in einem vorgegebenen Zeitraum.

Im letzten Teil geben Sie konkrete Praxistipps für sogenannte ‚Big Wins‘. Was sind hier die elementaren Erfolgsfaktoren, damit Unternehmen fit für die Next Economy werden?

Anne M. Schüller: Bei der omnipräsenten Diskussion um Digitales wird leider sehr oft vergessen: Jeder Transformationsprozess ist immer zugleich auch organisational – und zudem eine unternehmenskulturelle Herausforderung. Das Heil ist nicht nur in Technologien zu finden. Wem es nicht gelingt, die Menschen mitzunehmen, wird scheitern. Das Digitale macht vielleicht 20 Prozent aus, 80 Prozent sind Transformation. Von den Big Wins nenne ich deshalb hier zwei.

  1. Verändern Sie Ihre Unternehmensorganisation

Dies ist der größte Schritt, den ein klassisches Unternehmen gehen muss: von der Pyramiden- zur Netzwerkorganisation. Und zwar bei laufendem Betrieb. Das erfordert zunächst einen Geschäftsleitungsbeschluss. Danach ist eine Projektgruppe zu installieren, die sich mit den einzelnen Schritten befasst. Quick wins sind in diesem Fall besonders wertvoll, damit sich das Projekt nicht endlos in die Länge zieht. Als Quick Wins kommen zum Beispiel kleine, agile, selbstorganisierte Einheiten infrage, die sich in passenden Bereichen recht zügig aufbauen lassen.

  1. Arbeiten Sie an Ihrer Unternehmenskultur

Die Unternehmenskultur determiniert die Art und Weise des Miteinanders. Unerlässlich hierbei: Alle Mitarbeiter sind Teil des Systems und arbeiten deshalb konkret an der Unternehmenskultur mit. Ziel ist, dass alles, was eine Firma atmosphärisch vergiftet, schnellstmöglich verschwindet, damit eine menschliche und zugleich positive Grundstimmung Einzug hält. Sodann sind niedrighierarchische Vorgehensweisen in Angriff zu nehmen. Dabei ist Offenheit für frische Gedanken aus den Reihen der jungen Generation besonders willkommen, denn sie machen ein Unternehmen zukunftsfit.

Herzlichen Dank für das Interview!

Das Buch zum Thema

Anne M. Schüller, Alex T. Steffen

Fit für die Next Economy

Zukunftsfähig mit den Digital Natives

Wiley Verlag 2017, 272 Seiten, 19,99 €

ISBN: 978-3527509119

Zur Bestellung: http://www.anneschueller.de/shop.html

 

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als Europas führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenfokussierte Unternehmenstransformation. Sie zählt zu den gefragtesten Rednern im deutschsprachigen Raum. Zu ihrem Kundenkreis zählt die Elite der Wirtschaft. Kontakt: www.anneschueller.de

 

Alex T. Steffen (Jahrgang 1990) ist Unternehmensberater mit Fokus Innovation und Digitale Transformation. Zuvor war er Angestellter in analogen Unternehmen und digitalen Startups. Daher kennt er in Bezug auf die Arbeitswelt beide Seiten. Er hat einen Bachelor of Science in International Business. Durch seine Keynotes und Workshops hilft er Unternehmen dabei, in Zeiten des Wandels agiler und robuster zu werden. Kontakt: www.alextsteffen.com

Facebookgoogle_plusxinglinkedinmail