DAS INTERVIEW. Jörg Löhr interviewte mich zum Thema Stärkenorientierung


Lesen Sie hier das vollständige Interview für das Magazin JÖRG LÖHR ERFOLGSTRAINING.

„Stärkenorientierung bietet einen enormen Erkenntnisgewinn“

Fünfzehn Jahre besetzte Brigitte Herrmann als selbständige Headhunterin Top-Positionen in namhaften Unternehmen. Heute berät sie Unternehmer, Führungskräfte und HR-Abteilungen bei der Weiterentwicklung ihrer Recruitingverfahren. Und setzt dabei auf stärkenbasierte Personalmanagement-Konzepte.

Frau Herrmann, viele Unternehmen suchen händeringend nach guten Fach- und Nachwuchskräften für Ihr Unternehmen. Was läuft da falsch?

Ich denke, da laufen ganz viele unterschiedliche Dinge falsch oder zumindest nicht in die richtige Richtung. Zum einen gibt es Branchen und Bereiche, die bereits heute von einem eklatanten Mangel guter Fach- und Nachwuchskräfte betroffen sind wie beispielsweise das Handwerk, die Pflege- oder IT-Branche. Hier wurden nach meinem Ermessen über viele Jahre absehbare Entwicklungen einfach übersehen oder ignoriert, anstatt bewusst gegenzusteuern. Und das nicht nur im Hinblick auf die Wirtschaft, sondern auch auf die Bildungspolitik. Stichwort Akademisierungswahn. Andererseits ist der Mangel an Fach- und Nachwuchskräften von Unternehmen oftmals auch hausgemacht. Das Bewusstsein, dass sich Arbeitgebermarkt längst zum Arbeitnehmermarkt verwandelt hat, ist noch immer nicht bei allen angekommen. Nach wie vor werden Bewerber manchmal wie Bittsteller behandelt und die Erwartungshaltung von Arbeitgebern gleicht einem ‚Wünsch-Dir-was-Konzert’. Oder ich erlebe in Beratungsprojekten, dass beispielsweise ein Dienstleister im Mittelstand händeringend Mitarbeiter sucht, das Unternehmen aber von potenziellen Interessenten am Markt so gut wie gar nicht, geschweige denn attraktiv wahrgenommen wird.

Haben Nachwuchskräfte heute andere Erwartungen an Arbeitgeber als früher?

Auf jeden Fall. In meiner Arbeit und auch im privaten Umfeld erlebe ich bei vielen jungen Menschen ein anderes Selbstverständnis und eine andere Wertehaltung als bei älteren Generationen. Sie sind engagiert und wollen etwas bewegen, sind aber nicht mehr bereit, sich für ihren Job zu verbiegen. Damit ändert sich natürlich auch die Erwartungshaltung an Arbeitgeber. Arbeit wird von vielen nicht mehr als Mittel zum Zweck des reinen Geldverdienens oder rein aus dem Karriereblickpunkt gesehen, sondern soll auch Sinn und Spaß machen. Flexibilität und vor allem auch die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben werden dadurch immer wichtiger. Ebenso wie das Interesse an Weiterbildung und Entwicklungsmöglichkeiten, an aktiver Mitgestaltung und internationalen Perspektiven. Nachwuchskräfte von heute erwarten außerdem ein hohes Maß an Transparenz, Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit von ihrem Arbeitgeber und fordern das meines Erachtens deutlich mehr ein als ältere Professionals.

Warum ist Stärkenorientierung für Sie so wichtig?

Seit Jahrzehnten bauen Unternehmen in ihrer Personalarbeit auf kompetenzbasierte Prozesse, selektieren also nach fachlichen Qualifikationen und Kompetenzen. Parallel dazu orientieren sich viele Personalkonzepte noch immer an den vermeintlichen Defiziten von Angestellten, die dann durch aufwändige Weiterbildungen behoben werden sollen. Doch dabei wird meist übersehen, dass diese Menschen ganz andere, vielleicht viel wichtigere Stärken und Talente haben, die dem Unternehmen womöglich an anderer Stelle von großem Nutzen sein können.

Jeder von uns zeichnet sich durch besondere Eigenschaften aus, durch individuelle Stärken, die unser Umfeld als Teil unseres Wesens wahrnimmt. Die Positive Psychologie nennt sie Charakterstärken. So kann beispielsweise ein Mensch mit der Charakterstärke Kreativität sehr gut innovative und unkonventionelle Ideen entwickeln. Und gerade weil er sich mit dieser Eigenschaft so identifiziert, empfindet er auch den Prozess der Ideenentwicklung nicht erschöpfend, sondern vielmehr als Energizer, was sich wiederum positiv auf Aspekte wie Sinnerleben am Arbeitsplatz, Leistungskraft und Produktivität auswirkt. Stärkenorientierung bietet in der Personalarbeit außerdem einen enormen Erkenntnisgewinn. Wir erkennen damit nicht nur, ob jemand eine bestimmte Rolle übernehmen kann, sondern vielmehr, ob er diese auch gerne übernehmen will und mit Begeisterung ausüben wird. Noch dazu empfinden Mitarbeiter, die stärkenorientiert arbeiten können, eine höhere Bindung zum Arbeitgeber.

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