Anne M. Schüller im Interview

Anne M. Schüller, die Managementvordenkerin und Bestseller-Autorin zu ihrem neuen Buch „DIE ORBIT ORGANISATION“

1. Warum benötigen wir zukünftig eine humanorientierte Digitalökonomie?

Alle Welt redet davon, dass Unternehmen sich digitalisieren müssen. Doch in Wirklichkeit geht es gar nicht um Technologien per se, sondern um die bahnbrechend neuen Geschäftsideen, die durch sie ermöglicht werden. Digitale Expertise kann zugekauft werden. Anpassungsvermögen und Umsetzungsgeschwindigkeit hingegen lassen sich nur von innen heraus entwickeln. Dies erfordert zweierlei: Eine Erneuerung der organisationalen Strukturen undein Vorrücken der zwischenmenschlichen Beziehungsarbeit. Denn das Konzeptionelle verknüpft sich immer mit dem Sozialen. Die Kraft persönlicher Beziehungen kann künstliche Intelligenz niemals ersetzen, sondern nur unterstützen. Je größer der Digitalisierungsgrad in einem Unternehmen, desto mehr Aufmerksamkeit braucht der Mensch.

2. Welchen Vorteil bietet das von Ihnen entwickelte Orbit-Modell und wie ist es aufgebaut?

Im Kern ist das Wettrennen zwischen herkömmlichen Unternehmen und den neuen Top-Playern der Wirtschaft keins um das bessere Produkt, sondern eins um das bessere Organisationsmodell. Passende organisationale Strukturen machen bahnbrechend neue Geschäftsideen überhaupt erst möglich. Zu diesem Zweck haben wir das Orbit-Modell entwickelt. Es propagiert den Übergang von einer aus der Zeit gefallenen pyramidalen zu einer zirkulären Organisation. Es ermöglicht den schnellen Wandel zu einem Unternehmen, das sich adaptiv und antizipativ auf die Erfordernisse der neuen Zeit einstellen kann. Die neun Aktionsfelder möchte ich ganz kurz erklären:

  • Der Purpose:Im Zentrum der Organisation steht ein kraftvoller Purpose – der Daseinssinn eines Unternehmens. Er ist ökonomisch, ökologisch und sozial von Bedeutung und zugleich attraktiv für die Kunden und Mitarbeiter. Wie der Kern einer Frucht sichert dieser Purpose das Überleben am Markt.
  • Die Stellung der Kunden:Die vielbeschworene Kundenzentrierung wird in diesem Modell sofort sichtbar. Die Kunden scharen sich um den Purpose, weil dieser für sie anziehend und unterstützenswert ist. Alle Mitarbeitenden kreisen um die Kunden – auf Augenhöhe und in dynamischer Interaktion.
  • Die Stellung der Mitarbeiter:Sie stehen nicht länger unten in einer Topdown-Hierarchie, sondern agieren gleichrangig im Kreis mit den Führungskräften und Partnern des Unternehmens auf das Kundenwohl hin. Operative Entscheidungen treffen die Mitarbeiter dezentral, crossfunktional und zumeist selbstorganisiert.
  • Die Stellung der Führungskräfte:Die Führungskräfte sind nichtvon den Kunden separiert. So wird Kundenähe in Orbit-Organisationen nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch tatsächlich gelebt. Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern und Partnern des Unternehmens funktioniert gleichberechtigt und Hand in Hand.
  • Die Bedeutung der Partner:Längst bringen die Schwächen, die sich bei herkömmlichen Organisationen in Bezug auf den transformativen Wandel zeigen, immer mehr Unternehmen dazu, an Innovationszentren anzudocken, eigene Innovation Labs aufzubauen, digitale Einheiten auszugründen und/oder mit passenden Startups zu kooperieren. Solche strategischen Alliierten sind die neuen Innovationshelfer und Wachstumstreiber.
  • Die Brückenbauer:Wenn sich in der Außenwelt alles vernetzt, muss das auch drinnen im Unternehmen passieren. Hierzu werden Brückenbauer gebraucht, die interdisziplinäre Verbindungen schaffen und das „Sowohl-als-auch“ moderieren. Sie schließen die Kluft zwischen drinnen und draußen, zwischen oben und unten, zwischen Mensch und Denkmaschine. Zudem werden externe Fürsprecher und Influencer benötigt, die dafür sorgen, dass neue Kunden kommen und kaufen.
  • Die Stellung der Geschäftsleitung:Die Geschäftsleitung symbolisiert nicht länger die Spitze, sondern das Fundament einer Firma und sorgt für die notwendige Stabilität. Zudem agiert sie als Bindeglied mit der Öffentlichkeit. Und sie ist Brückenbauer in Richtung Zukunft.
  • Die eingebaute Dynamik: Kreise sind ein typisches Merkmal sich dezentralisierender Organisationen. Doch auch Kreise brauchen Dynamik, indem sie sich miteinander verbinden. So entsteht ein System, in dem Aspekte der Erneuerung von jedem an jeder Stelle und jederzeit initiiert werden können.

Das Ergebnis ist eine Organisation, die für die digitale Zukunft hervorragend aufgestellt ist: zugleich hochrentierlich – und zutiefst human.

3. Was wäre nach Ihrer Empfehlung der erste wichtige Schritt für Unternehmen in puncto Company-Redesign zur Orbit-Organisation?

Das hängt davon ab, wo ein jeweiliges Unternehmen gerade steht.Eins braucht es aber in jedem Fall: Das ist der Grundsatzentscheid, den Umbau als solchen loszutreten. Ohne einen ausdrücklich bekundeten Willen, der von der Führungsspitze ausgehen muss, wird jedes organisationale Redesign zum Rohrkrepierer. Zudem ist es für die oberste Stelle ein Muss, das Umbauprojekt zu schützen, zu unterstützen und zu begleiten.

4. Was erwartet Unternehmen, die dennoch an veralteten Management-Mindsets festhalten?

Sie werden vom Markt ausgemustert – und das geht heutzutage ruckzuck.

5. Damit Erneuerung in Angriff genommen werden kann, braucht es auch die ‚richtigen‘ Menschen. Welche besonderen Eigenschaften zeichnen solche Menschen aus?

Neben der notwendigen fachlichen Expertise brauchen sie vor allem eins: Neugier, Wissensdurst, Forscherdrang, Pioniergeist. Diese Eigenschaften sind, so wie jede andere Eigenschaft auch, in den Menschen verschieden stark angelegt. Wurde in einem Unternehmen bislang alles nach Plan geregelt, wurden Querdenker mundtot gemacht und hat man seine Mitarbeiter für Konformismus belohnt, darf man sich natürlich nicht wundern, wenn es dort nur wenige Talente mit diesen Persönlichkeitsmerkmalen gibt. Wird ein Individuum für schöpferische Leistungen oft kritisiert oder werden seine Ideen ständig zurückgewiesen, entsteht ein Phänomen, das als „Kreativitätskränkung“ bekannt ist: die Neugier erlischt. Deshalb muss man nach Beschäftigten Ausschau halten, die Neues als Stimulus brauchen undNeugier nach wie vor in sich tragen. Zudem sind Biss und Durchhaltevermögen nötig, um auf unbekanntem Terrain erfolgreich zu sein.

Herzlichen Dank für das interessante Interview Frau Schüller!

Das Buch zum Thema von Anne M. Schüller & Alex T. Steffen

DIE ORBIT ORGANISATION – In 9 Schritten zum Unternehmensmodell für die digitale Zukunft

Gabal Verlag 2019, 312 Seiten, 34,90 Euro – ISBN: 978-3869368993

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